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Buddhismus und Politik in Kambodscha
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1 Sihanouk und „Buddhistischer Sozialismus“

Nach dem Erreichen der Unabhängigkeit 1953, trat der noch von den Franzosen 1942 eingesetzte König Norodom Sihanouk zunächst als König zurück. Dieses war formal notwenig, um politisch in einer Partei und Regierung tätig werden zu können. Er gründete das Parteienbündnis „Sankum Răstr Niyum“1 und konnte, wohl primär aufgrund seiner Popularität, die Wahlen 1955 mit großer Mehrheit gewinnen. Norodom Sihanouk wurde damit der erste Regierungschef des unabhängigen Kambodscha. Innenpolitisch führte Sihanouk eine repressive Politik gegenüber seinen politischen Gegnern. Diese wurden aus ihren Ämtern entlassen und teilweise verhaftet, oppositionelle Parteien wurden verboten. Außenpolitisch versuchte Sihanouk eine Politik der Neutralität zu führen, welche er auch als „aktive positive Neutralität“2 bezeichnete. In wirtschaftlicher Hinsicht stagnierte die kambodschanische Wirtschaft nach wenigen Jahren aufgrund von  Korruption und Missmanagement, die Arbeitslosigkeit nahm zu. In religiöser Hinsicht, verkündete das von Sihanouk begründete, und fast diktatorisch regierende Sankum -  Parteienbündnis, einen „buddhistischen Sozialismus“. Dieser „Sozialismus“ war nach Sihanouks Verständnis nicht so tiefgehend ideologisch und dogmatisch ausgeprägt, wie in  manch anderen sozialistischen Staaten, und ist auch in deutlicher Differenz zum „burmesischen Weg zum Sozialismus“3 zu sehen. „We are socialists, but our socialism is inspired far more by Buddhist morality and the religious traditions of our national existence than by doctrines imported from abroad.“4 Während in anderen, sich als „sozialistisch“ bezeichnenden Ländern, die Frage von Grundbesitz und Eigentum häufig mit Enteignung und Verstaatlichung verbunden war, verteidigte das kambodschanische sozialistisch-buddhistische Konzept den Privatbesitz. Dieses wurde mit dem buddhistischen Konzept des „Merit Making“ begründet. Es wurde davon ausgegangen, dass eine Umverteilung in einer buddhistischen Gesellschaft von alleine funktioniert, weil die reichen Leute ja sowieso von Ihrem Besitz abgeben, weil sie dadurch Verdienste für ihr Karma erwerben würden.5 Zur weiteren Legitimation des politischen Systems mithilfe des Buddhismus, wurde die Karmatheorie herangezogen und behauptet, dass aufgrund des erworbenen Karmas einige Bevölkerungsteile ein „natürliches“ Anrecht auf Reichtum und Macht hätten.6

Ein besonderes Merkmal der Sankum - Periode unter Sihanouk war die Entwicklung von Bildungseinrichtungen, die der Bevölkerung sowohl eine säkulare als auch eine besonders geförderte buddhistische Bildung ermöglichten. An den damals ca. 570 landesweiten Primärschulen wurde neben den säkularen Fächern auch die buddhistische Lehre vermittelt. Dazu gehörte die Unterrichtung in Pali, Studien der Dhammapada-Kommentare, das Leben des Buddha, die Grundlagen der buddhistischen Lehre sowie die Lehre der Ordensregeln. Weiterhin gründeten sich Vereinigungen, die speziell für Erwachsene eine buddhistische Aus- und Weiterbildung anboten, z.B. die „Association of the Friends of the Buddhist Lycee“, die „Association of the Buddhist Youth of Cambodia“ oder auch die „Chuon Nath Association“. In Wat Kom Pay in Battambang wurden beispielsweise Kurse für Laienanhänger und Mönche angeboten, welche sich über drei Jahre erstreckten und besonderen Wert auf die spirituelle buddhistische Praxis legten. Das Programm konzentrierte sich auf das Leben des Buddha und seine Lehren, und das letzte Jahr war ausschließlich der buddhistischen Meditation gewidmet. Die Schule wurde zwischen 1965 und 1967 von etwa 800 Studenten aus ganz Kambodscha besucht. Im Zuge dieser Förderung des Buddhismus stieg die Zahl der Mönche zwischen 1955 und 1967 von etwa 37 000 auf etwa 61 000.7

Nach der Unabhängigkeit konnte sich der Sangha wieder auf seine traditionelle Aufgabe der Gewährleistung des Fortbestandes des Buddhismus in Gesellschaft und Staat konzentrieren. Der Sangha war anfangs der Buddhismus-fördernden Politik unter Sihanouk gegenüber  positiv eingestellt. Das damalige Oberhaupt des Mahanikay Ordens, Chuon Nath, unterstützte sogar praktisch die Politik der Sihanouk Regierung und erlaubte die Einbeziehung von Mönchen in staatliche Projekte, wie zum Beispiel den Bau von Straßen und Kanälen. Ein Foto der Parteizeitung „Sankum“ mit dem Bild von arbeitenden Mönchen trug die Unterschrift: „Mönche im Rahmen unseres buddhistischen Sozialismus nehmen teil am Aufbau der Nation8 . Trotz anfänglicher Unterstützung nahm das Engagement des organisierten Sangha für die Politik Sihanouks ab. Die zwar buddhistisch begründete, aber dennoch repressive Politik der Sankum - Regierung gegenüber ihren politischen Gegnern, hatte mehrfach gegen die buddhistische Ethik verstoßen und dadurch im Sangha an Glaubwürdigkeit verloren.9 Dieses führte Mitte der sechziger Jahre zu offenen Demonstrationen gegen die Regierung, an denen sich auch buddhistische Mönche beteiligten. Die neutrale Politik Sihanouks gestaltete sich durch den auf Kambodscha übergreifenden Vietnamkrieg zunehmend schwieriger. Die Kriegs-handlungen dehnten sich auf weite Teile Kambodschas aus. Seit Anfang der 60er Jahre hatte Sihanouk versucht, die militärischen Beziehungen mit den USA einzuschränken und brach diese 1965 schließlich ganz ab. An der Nordostgrenze Kambodschas zu Vietnam sammelten sich seit Mitte der 60er Jahre, unter der Protektion Vietnams, die von Sihanouk verfolgte Führung der kambodschanischen Kommunisten. Gegen Ende der  60er Jahre begann Sie von hier aus mit den militärischen Aktionen gegen die Regierungstruppen Kambodschas. 10

weiterlesen:
2 Lon Nol und „buddhistischer Neo-Khmerismus“
3 Pol Pot und „feudaler Buddhismus“
4 Vietnamesische Besatzung und Buddhismus „unter Aufsicht“
5 „Staatliche Rehabilitierung“ des Buddhismus
6 Der Sangha zwischen Tradition und politischer Aktion
 

1 „Sankum Răstr Niyum“ – entspr. „Sozialistische Volksgemeinschaft“
2 Praktisch bedeutete diese „Neutralität“ aber auch, von den USA Militärhilfe und von China und der UDSSR Wirtschaftshilfe zu erhalten.
3 Der „burmesische Weg zum Sozialismus“ in Myanmar (1962) war stärker ideologisch untermauert, weniger religiös begründet und in seiner Praxis radikaler.
4 Norodom Sihanouk, in: Harris, S.148
5 Harris, S.146/147 und Ling, S.138
6 Veröffentlichung in der ersten Ausgabe der Parteizeitung „Sankum“ 1955., Harris, S.147
7 Harris, S.152
8 Harris, S.149
9 Zur Abwendung des Sangha von der Politik der Regierung führte beispielsweise auch der Bau eines staatlichen Spielcasinos. Ein besonders eindrückliches Beispiel für das Ausmaß der repressiven Maßnahmen der Regierung war die Hinrichtung eines politischen Gegners 1964, wobei die Exekution gefilmt und einen Monat lang in den Kinos ausgestrahlt wurde. (Harris, S. 153; Chandler, S. 241)
10 Chandler, S. 246
11 Harris, S.165
12 Harris, S.165
13 Chandler, S. 248
14 Harris, S.164
15 Harris, S.166
16 Harris, S.166
17 „Sanghareach“ bezeichnet das Oberhaupt eines buddhistischen Ordens
18 Andererseits konnte der Sangha aber auch eine Umbenennung der „Universite Bouddhique Preah Sihanoukreach“ verhindern. (Harris, S.167)
19 Harris, S.170
20 Chandler, S. 252; u. Harris, S.170
21 Rote Khmer“ – „khmer krobom“ ist die Bezeichnung für die „Kommunistische Partei von Kampuchea“ und ihre Militärkräfte.
22 Harris, S.172
23 „Ta Mok“ – auch „der Schlächter“ war ein Führungskader der Kommunistischen Partei Kampucheas.
24 Harris, S.172
25 Harris, S.162
26 Phnom Penh wurde 1975 von den Roten Khmer eingenommen. Innerhalb weniger Tag wurde der Großteil der  2 Millionen Einwohner aus der Stadt zum arbeiten auf das Land vertrieben.
27 Harris, S.177/178
28 Harris, S.179
29 Saloth Sar (Pol Pot) hatte 1952 als Student in Bezug auf Kambodscha geschrieben, dass ein demokratisches Regime die buddhistische Moral zurückbringen würde, weil der große Führer Buddha der erste war, welcher Demokratie gelehrt hatte. Auch die Zeit der französischen Kolonialbesatzung Kambodschas hatte Saloth Sar als Student noch mit Bezug auf Buddha kritisiert, weil dieser Kolonialismus schädlich für den Buddhismus gewesen sei, denn der Kolonialismus hätte sich über die Religion gestellt. Auch der Militärchef der Roten Khmer, der so genannte „Ta Mok“, war ein ehemaliger Mönch. In den sechziger Jahren, wohl unter dem Einfluss der kommunistischen Ideologie und insbesondere wohl auch der  Kulturrevolution in China, hatte sich die Einstellung der Führungspersonen der Kambodschanischen Kommunisten zur Religion wohl grundlegend gewandelt.  (Chandler, S. 247)
30 Löschmann, S.15
31 Das schwierige Verhältnis von Kambodscha zu Vietnam begründet sich auch in der historischen Tatsache, dass Kambodscha bzw. Teile von Kambodscha in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder entweder von Vietnam oder Thailand besetzt waren.
32 Löschmann, S.17
33 Löschmann, S.25
34 „Nikaya“ bezeichnet den Buddhistischen Orden, in Kambodscha gibt es zwei buddhistische Orden, der größere und ältere Mahanikay und der kleinere - Mitte des 19.Jahrhunderts von Thailands König Mongkut gegründete Thommayut.
35 Harris, S.196
36 Es arbeiteten sogar drei Mönche im Zentralkomitee der Partei und auch  zwischen den 148 Kandidaten, welche 1981 für die Wahlen aufgestellt wurden waren Mönche. Harris, S.197
37 Cambodian Peoples Party - CPP
38 Harris, S.200
39 siehe auch: Chandler, S.285
40 Harris, S.200
41 Löschmann, S. 22
42 United Nations Transitional Authority in Cambodia – UNTAC
43 „…Cambodias`s freest, fairest, and most secret elections since the colonial era.“, Chandler, S. 288
44 Ieng Sary war der ehemalige Außenminister des „Demokratischen Kampuchea“ 1975-1979. 1996 brach er mit Pol Pot und verhandelte eigenmächtig für die ihm unterstellten Truppen der Roten Khmer mit der Regierung.
45 Golzio, S.158/159
46 Harris, S.216/217
47 Harris, S.217
48 Harris, S. 298/*96
49 „Khmer Krom“ ist die Bezeichnung für die in Südkambodscha und Südvietnam lebenden etwa 8,2 Millionen ethnischen Khmer.
50 20.03.2008, http://hrw.org/english/docs/2007/12/21/cambod17646_txt.htm

Literatur:
Chandler, David „A History of Cambodia“, Westview Press, Colorado, 2000.
Golzio, Karl-Heinz „Geschichte Kambodschas”, Beck, München, 2003.
Harris, Ian „Cambodian Buddhism, History and Practice”, Silkworm Books: Bangkok, 2005.
Karbaum, Markus “Kambodscha: Die Ex-Kommunisten bitten zur Wahl”, in: “KAS-Auslandsinformationen”, 3/07, S. 105-127.
Ling, Trevor (Hrsg.) “Buddhist Trends in Southeast Asia”, ISEAS, 1993.
Löschmann, Heike „Buddhismus und gesellschaftliche Entwicklung in Kambodscha seit der Niederschlagung des Pol-Pot Regimes im Jahre 1979”, in: „Asien“, Nr. 40, 7/1991, S.13-27.
Marston, John and Elizabeth Guthrie “History, Buddhism and New Religious Movements in Cambodia”, University of Hawai’i Press: Honululu. 2004.
Spiro, Melford „Buddhism and Society”, University Of California Press, 1982.

A History of Cambodia - David Chandler - Cambodian Buddhism - Ian Harris -Geschichte Kambodschas - Karl-Heinz Golzio -History, Buddhism, and New Religious Movements in Cambodia