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Das Knochenorakel der Shang

 
Das Knochenorakel der Shang

Die chinesische Geschichtsschreibung datiert die Shang Dynastie auf den Zeitraum von 1766 bis 1122 v.Chr..[1] Das Reich der Shang erstreckte sich vorwiegend auf die nordchinesische Tiefebene nördlich des Gelben Flusses. Während für die erste Hälfte der Shang-Zeit nur wenige Quellen verfügbar sind, wurden aus der zweiten Hälfte die Überreste einer Stadt entdeckt, welche vom 14. bis Ende des 11. Jahrhunderts v.Chr. die wahrscheinlich letzte Hauptstadt des Shang-Reiches war.[2] Das heutige  Wissen über die Kultur und Lebensweise der Shang basiert größtenteils aus den hier entdeckten archäologischen Funden. Dazu gehören vor allem die Gräber der Könige, deren besondere Anlage und Ausstattung einen Einblick in die Shang-Kultur ermöglichte. In den Königsgräbern entdeckte man die Skelette von bewaffneten Männern, Bronzegefäße, Töpferwaren, filigrane Tierfiguren aus Bronze, Elfenbein und Jade, beschriftete Knochen  sowie Überreste von rituell bestatteten Tieren und auch Menschenopfern.[3] Die Funde lassen bereits eine hochentwickelte Bronzekunst, den Gebrauch des Pferdewagens und der Schrift sowie ein ausgeprägtes Orakelwesen erkennen.

 

Die Entdeckung und Entzifferung der Orakelknochen

 

Auf einen ausgeprägten religiösen Kult lassen im Zusammenhang mit den Ausgrabungen bei Anyang, die zahlreichen Knochenfunde mit ein-gravierten Schriftzeichen schließen. Diese Knochen waren schon vor der Entdeckung Anyangs als sogenannte „Drachenknochen“ bekannt, wobei die erste wissenschaftliche Begegnung in einer Episode überliefert ist: Im Jahr 1899 wurde dem an Malaria erkrankten Gelehrten Wang I-Jung eine Medizin verschrieben, welche aus alten Knochen hergestellt wurde. In der traditionellen chinesischen Medizin wurden bis dahin alte Knochen in großen Mengen als Heilmittel verwendet. Nun entdeckte der erkrankte Wang I-Jung einige archaische Schriftzeichen auf seiner „Medizin“, was schließlich dazu führte, dass die Knochen als Orakelknochen der historischen Shang-Zeit zugeordnet wurden und die wissenschaftliche Erforschung ihren Lauf nehmen konnte.[4]

 

Die Schriftzeichen der Shang waren auf Tierknochen und Schild-krötenpanzern eingraviert. Von den über 4500 entdeckten Schriftzeichen konnten bislang etwa 1500 entziffert werden[5] . Sie werden von Tsung-Tung Chang auch als die „Archetypen der heutigen chinesischen Zeichen[6] bezeichnet. Tsung-Tung Chang beschreibt in: „Der Kult der Shang-Dynastie im Spiegel der Orakelinschriften“ sechs Methoden zur Entzifferung der Schriftzeichen[7] und hat in selbiger Publikation eine große Anzahl der Inschriften übersetzt und kommentiert. Insgesamt sind bisher circa 50.000 Inschriften publiziert und untersucht worden.[8] Damit lässt sich eine Vorstellung von der Lebenswelt der Shang-Zeit herleiten, welche ohne die Inschriften nur hypothetisch bleiben würde. Das herausragende Merkmal der gefundenen Inschriften ist, dass sie alle zum Zwecke des Orakels gefertigt wurden.[9]

 

Die Praxis des Orakels

 

Der Umfang und Inhalt der mit Inschriften versehenen Knochen zeigt, dass die Shang-Zeit durch ein ausgeprägtes Orakelwesen geprägt war. Das Orakel mit beschrifteten Knochen wurde dabei wohl vorwiegend am Hofe des Königs oder hochgestellter Adliger praktiziert. Die Orakelkulte der einfachen Bevölkerung haben möglicherweise andere Methoden der Voraussage verwendet. Wurden in der Frühzeit der Shang vorwiegend die Schulterblätter von Schweinen, Rindern oder Schafen verwendet, beschränkte man sich in der mittleren Periode hauptsächlich auf die Knochen von Rindern und in der späteren Periode fast ausschließlich auf die Verwendung von Schildkrötenpanzern für die Durchführung des Orakels.[10] Für die Divination mit Schildkrötenpanzern wurde vermutlich zunächst die Schildkröte im Rahmen einer Opferhandlung getötet,  anschließend der Bauchpanzer abgetrennt und daraus eine glatte Knochenfläche vorbereitet. Auf diese Tafel wurde dann die Orakelanfrage eingekerbt und eine kleine Bohrung angebracht. Durch die Erhitzung der Knochenplatte bildeten sich um die angebohrte Stelle Sprünge, aus welcher die Antwort auf die gestellte Frage herausgelesen werden konnte.[11]   

 

Der Inhalt des Orakels

 

Die Inschriften der Orakelknochen sind zumeist sehr kurz und enthalten eine Frage, welche nur eine Ja- oder Nein-Antwort zuließ. „Das Wahr-sagen bezog sich auf alle Bereiche, die mit der Funktion des Königs zu tun hatten: Ahnenkult und Götterverehrung, militärische Unter-nehmungen, Ernennungen von Amtsträgern, Einberufungen zum Hof, Bau von Städten, landwirtschaftliche Kampagnen und Meteorologie (Regen, Dürre, Wind), Krankheiten, Reisen, Träume, Geburten, Voraus-sage von Glück oder Unheil für die kommenden Jahre oder die kommende Nacht.“[12] Bis auf wenige Ausnahmen wurde auf den Orakel-knochen nur die Frage und nicht die Antwort verzeichnet. Es ist hierbei denkbar, dass die schriftliche Aufzeichnung der Orakelfrage als ein notwendiges Medium angesehen wurde, um die irdische Welt der Shang mit der jenseitigen Welt der Ahnen und Götter zu überbrücken.[13]

 

Die Orakelfragen zeichneten die religiösen Vorstellungen der Shang nach. So ließ sich die kultische Verehrung von Ahnen, Naturgöttern sowie einer höchsten Gottheit nachweisen. Die Inschriften, welche den Ahnen gewidmet waren, bezeugen den Glauben an die Macht und den Einfluss der Verstorbenen auf die Geschicke der Menschen. Hierbei lassen sich zwei Gruppen von Ahnen unterscheiden.[14] Zum einen die verstorbenen Könige und mythischen Heroen der Shang, deren Einfluss sich vor allem auf die Gesamtheit des Volkes erstreckte. Zum anderen die verstorbenen nahen Verwandten, welche positiv oder negativ das Leben der einzelnen Nachkommen beeinflussen konnten. So wurden die verstorbenen Könige und Heroen durch das Orakel eher nach allgemeinen, die Gemeinschaft betreffenden Angelegenheiten, wie der Kriegsführung, Ernte oder dem Wetter befragt, während die verstorbenen nahen Verwandten über die Ursachen individueller Krankheit, Schwangerschaft oder einer geplanten Reise um Auskunft gebeten wurden. So lautete beispielsweise eine Orakelbefragung an den mythischen Heroen Wang-Hai[15] folgendermaßen: „Ist es etwa Wang-Hai, der mit seinem Fluch den Regen ausbleiben lässt?[16] . Eine Orakelanfrage an einen verstorbenen nahen Verwandten lautete dagegen eher: „Der Zahn schmerzt. Liegt etwa einen Fluch vor? Nicht etwa vom ver-storbenen Vater? Werden die Schmerzen aufhören?[17]

 

Flüche der Ahnen wurden häufig als Ursache von Krankheit und Unglück vermutet. Zur Besänftigung und positiven Beeinflussung der Ahnen wurde daher ein umfangreicher Opferkult zelebriert, welcher vor allem aus der rituellen Opferung von Wein, Tieren und auch Menschen bestand.[18] Dabei wurde das Orakel zuvor befragt, ob bestimmte Gaben für ein bestimmtes Ziel geopfert werden sollten, wie z.B.: „Die Zunge schmerzt. Soll der verstorbenen Großmutter Keng ein Hund geopfert werden?[19] , oder auch: „Soll die rituelle Reinigung von Tsu-Ting mit einem Opfer von drei Rinderpaaren und 10 Menschen von Ch`iang ausgeführt werden?“.[20] .

 

Der Kult von Naturgöttern umfasste vor allem die Verehrung von Fluss- Berg- und Erdgottheiten sowie der vier Himmelsrichtungen. Besondere Bedeutung kam dabei dem Flussgott He - der Gottheit des gelben Flusses zu. Dieser wurde um Unterstützung im Krieg angerufen und war auch in der Lage Regen zu senden.[21] Viele der Orakelanfragen an die Flussgottheit He lauteten ähnlich wie die folgende: „ Am Tage Keng-shen fragte Yung das Orakel, ob der Flussgott He einen Fluch über den Regen verhängt habe.“[22]      

 

An der Spitze der Götterhierarchie der Shang stand die Gottheit Ti, welche die oberste Macht über die Naturerscheinungen ausübte und auch als Kriegsgott schützend oder strafend wirken konnte.[23]   So konnten Orakel in Bezug auf den Regen lauten: „Wird Ti den Befehl geben, dass es für die Ernte genügend regnen wird.“[24] ,  oder im Kriegsfall: „Die Fang haben uns Verluste zugefügt und kreisen uns ein. Hat Ti etwa den Befehl gegeben, dass uns Unheil geschehen soll?[25] . Auch der Schutz oder die Bestrafung der Städte lag in der Hand des Ti: „Ist es etwa dem Unmut des Ti über diese Stadt Lung zuzuschreiben, dass es hier solange nicht geregnet hat?[26] . Weiterhin wurde bei der Gründung oder dem Ausbau einer Stadt nach dem Einverständnis von Ti gefragt: „Soll der König keine Stadt an diesem Ort bauen? Wird Ti damit einverstanden sein?[27] . Das Ausmaß der Bedeutung und des Kultes der Gottheit Ti ist umstritten, die vorhandenen Quellen ermöglichen keine eindeutigen Antworten. Es gilt aber zumindest als sicher, dass die Gottheit Ti in der Götterhierarchie der Shang an oberster Stelle stand.[28]  



[1] Seiwert, Hubert M.: „Orakelwesen und Zukunftsdeutung im chinesischen Altertum“, Bonn, 1979, S.20
 
[2] Die Stadt befindet sich in der heutigen chinesischen Provinz Henan nahe der Stadt Anyang und wurde 1385 v.Chr. durch den König Pan Geng gegründet., Seiwert, Hubert, S.20
 
[3] Gernet, Jaques: „Die chinesische Welt“, Suhrkamp, Frankfurt M., 2008, S.53
 
[4] Chang, Tsung-tung: „Der Kult der Shang-Dynastie im Spiegel der Orakelinschriften“, Wiesbaden, Harrassowitz Verlag, 1970, S.28
 
[5] Gernet, Jacques, S.51
 
[6] Chang, Tsung-Tung, S.6
 
[7] Chang, Tsung-Tung, S.4-33
 
[8] Fast alle der über 100.000 beschrifteten Knochen und Schildkrötenpanzer entstammen dem Grabungsort Xiao-tun (nahe Anyang) Gernet, Jacques, S.51; Seiwert, Hubert, S.21
 
[9] Es ist aber durchaus wahrscheinlich, dass auch andere „weltliche“ Inschriften, welche nicht dem Orakel dienten, auf schnell vergänglichen Materialien gefertigt wurden und somit der Vergänglichkeit anheim fielen.
 
[10] Als Schildkröten für das Orakel wurde vorwiegend eine spezielle, heute ausgestorbene Spezies „testudo anyangiensis“ verwendet., Seiwert, Hubert, S.26
 
[11] Seiwert, Hubert, S.27; Dabei haben sich vorrangig T-förmige Risse gebildet. Das T entspricht dem chinesischen Schriftzeichen bu, mit dem dieses Form des Orakels auch bezeichnet wird., Gernet, Jacques, S.51
 
[12] Gernet, Jacques, S.51
 
[13] siehe auch: Unger, Ulrich, S.7/8
 
[14] Chang, Tsung-Tung, S.79ff.
 
[15] Wang-Hai gilt als ein mythischer Vorfahre der Shang, dem die Zähmung des Rindes zugeschrieben wurde und damit symbolisch für die kulturgeschichtlich bedeutende Domestizierung von Nutztieren steht., siehe auch: Chang, Tsung-Tung, S.79/80
 
[16] Chang, Tsung-Tung, S.81
 
[17] Chang, Tsung-Tung, S.34
 
[18] Chang, Tsung-Tung, S.63
 
[19] Chang, Tsung-Tung, S.69
 
[20] Chang, Tsung-Tung, S.77; Durch rituelle Reinigung wurde versucht, Heilung von dem durch die Flüche der Ahnen verursachtem Unglück zu erreichen., Chang, Tsung-Tung, S.51
 
[21] Seiwert, Hubert, S.23; Anm: Der gelbe Fluss (Huang He) ist Chinas zweitlängster Fluss und verläuft in einem Halbkreis und Abstand von ca. 100 bis 200 Kilometer um das Gebiet der Hauptstadt der Shang nahe Anyang.
 
[22] Chang, Tsung-Tung, S.167
 
[23] Seiwert, Hubert, S.24
 
[24] Chang, Tsung-Tung, S.211
 
[25] Chang, Tsung-Tung, S.215
 
[26] Chang, Tsung-Tung, S.218
 
[27] Chang, Tsung-Tung, S.219
 
[28] Seiwert, Hubert, S.24; Chang, Tsung-Tung, S.222

Literatur:
-Chang, Tsung-tung: „Der Kult der Shang-Dynastie im Spiegel der Orakelinschriften“, Wiesbaden, Harrassowitz Verlag, 1970
-Creel, Herrlee Glessner: „The birth of China“, London, Peter Owen Ltd., 1964 (1937)
-Gernet, Jaques: „Die chinesische Welt“, Suhrkamp, Frankfurt, 2008
-Keightley, David N.: „The ancestral landscape – Time, Space, and comunity in late Shang China (ca.1200-1045 B.C.)”, Univ.of California, 2000
-Seiwert, Hubert M.: „Orakelwesen und Zukunftsdeutung im chinesischen Altertum“, Bonn, 1979
-Unger, Ulrich: „Abriß der Literatur des chinesischen Altertums”, Ostasien Verlag, Gossenberg, 2008


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