Das Knochenorakel der Shang wurde durch ein Orakel mit Schafgarben-stengeln (Achillea sibirica) zunächst ergänzt und später abgelöst. [1] Es ist umstritten, ob das Schafgarbenorakel bereits unter den Shang praktiziert wurde oder eine „eigene Erfindung“ der Chou gewesen ist. [2] Können wir mit den Orakelknochen der Shang noch auf Originale dieses Orakels zurückgreifen, so kann die Praxis des Schafgarbenorakels nur über spätere schriftliche Quellen der Chou-Zeit rekonstruiert werden. Auskunft erteilen hierbei vor allem das Zuo Zhuan (Chronik des Frühling und Herbst in der Überlieferung des Zuo), das Shu King (Buch der Urkunden) und das I Ging (Buch der Wandlungen). Diese Schriften belegen auch, dass in der Chou-Zeit das Knochen- und das Schaf-garbenorakel gleichzeitig befragt wurde. [3] Für den Fall, dass sich beide Orakelantworten widersprechen sollten, finden sich im Buch der Urkunden (Shu King) Anweisungen, wie weiter zu verfahren sei. [4]
Bei der Divination mit Schafgarbenstengeln wurde in einem komplizierten Verfahren [5] eine bestimmte Anzahl von Stengel in immer kleinere Einheiten zerlegt, so dass zum Schluss wenige Stengel übrig blieben. Diese übrig gebliebene Anzahl von Stengeln wurde nun einer bestimmten Zahl zugeordnet, welche durch eine durchgehende oder eine geteilte Linie symbolisiert wurde. Dieser Ablauf wurde insgesamt 6 Mal wiederholt, so dass schließlich ein aus sechs Linien bestehendes Zeichen – ein Hexagramm entstanden war. Möglicherweise wurde das so entstandene Zeichen anfangs direkt von Orakelpriestern interpretiert, in der späteren Chou-Zeit wurde das Zeichen jedoch mit Hilfe eines Orakelbuches gedeutet. [6] Als ein grundlegender Unterschied zum Knochenorakel finden sich für das Schafgarbenorakel keine Hinweise, dass die Orakelantwort von den Ahnen stammt. [7]
Die Wandlungen der Chou
Entstehung
Das Buch der Wandlungen der Chou „Chou Ih“ bzw. die mit später hinzugefügten Kommentaren ergänzte Fassung - das Buch der Wandlungen „I Ging“, ist das älteste überlieferte, populärste und möglicherweise auch das einzige Orakelbuch der frühen Chou-Zeit. Es ist mythologisch eng mit der Eroberung der Shang durch die Chou verknüpft, weshalb der Entstehungsmythos kurz vorgetragen werden soll. [8] Danach hat ein König Wen die Eroberung des Reiches der Shang geplant, geriet jedoch zuvor in die Gefangenschaft derselben. [9] Hier soll er die dem legendären Kaiser Fu-Hsi [10] zugeschriebenen Trigramme zu 64 Hexagrammen zusammengesetzt und jedem Zeichen einen Spruch beigegeben haben. Der Feldzug gegen die Shang wurde von seinem Sohn und Nachfolger, König Wu durchgeführt. [11] Nach dem Tod von König Wu war dessen Sohn noch zu jung für das Königsamt, weshalb zunächst der jüngere Bruder des verstorbenen Königs, der legendäre „Herzog von Chou“, für sieben Jahre das Königsamt ausübte. Er soll die Sprüche zu den einzelnen Linien jedes der 64 Hexagramme verfasst haben. Richard Wilhelm, welcher das Buch der Wandlungen erstmalig ins Deutsche übersetzte (1924 veröffentlicht), schreibt: „Dem König Wen, der ums Jahr 1000 v.Chr. lebte, und seinem Sohn, dem Herzog von Dschou, war diese Wendung vorbehalten. Sie versahen die bisher stummen Zeichen und Linien, aus denen jeweils von Fall zu Fall die Zukunft divinatorisch erraten werden musste, mit klaren Ratschlägen für richtiges Handeln“ [12] . Es wird angenommen, dass die tatsächliche Ent-stehung der Wandlungen der Chou aber etwa in die Zeit des 9. bis 8. Jahrhunderts v.Chr. fällt. [13]
Nun wäre ein Versuch, den tieferen Sinn der Trigramme, Hexagramme und Kommentare zu ergründen nicht Zweck dieser Arbeit und im Sinne Hubert Seiwerts an dieser Stelle auch nicht angebracht:„Das Werk kann deshalb allenfalls herangezogen werden, um Aufschlüsse über das zu Grunde liegende Weltbild zu gewinnen …Sobald die moderne Forschung versucht, mehr zu tun als das, nämlich über den tieferen Sinn einzelner Hexagramme zu räsonieren, läuft sie Gefahr, das gleiche zu tun wie antike Orakelsteller, indem eigene Assoziationen rationalisierend in den Text hinein- und dann wieder herausgelesen werden.“ [14] Um sich dem geistigen Wandel und dem Weltbild der Chou-Zeit anzunähern, kann ein Einblick in die zugrundeliegende Struktur und Vorstellungswelt der Zeichen, Linien und Kommentare trotzdem hilfreich sein, weshalb wenigstens vorsichtig versucht werden soll, diese kurz vorzustellen.
Die Zeichen und die Linien
Wie beschrieben, sollen die 64 Hexagramme durch die Zusammensetzung der 8 möglichen Trigramme gebildet worden sein. Den 8 ursprünglichen Trigrammen von jeweils 3 Linien wurden bestimmte Merkmale zugesprochen. Nach Richard Wilhelm wurde jedem Trigramm eine Eigenschaft, ein Bild und eine Familienstellung zugeschrieben. [15] So entspricht beispielsweise dem Zeichen mit drei durchgehenden Linien „Kien“ – „Das Schöpferische“ die Eigenschaft Stärke, das Bild des Himmels und die Familienstellung des Vaters. Oder dem Zeichen mit drei geteilten Linien „Kun“ – „Das Empfangende“ wird die Eigenschaft Hingebung, das Bild der Erde und die Familienstellung der Mutter zugeschrieben. Das aus zwei Trigrammen zusammengesetzte Hexagramm reflektiert diese zwei Kombinationen von bestimmten Eigenschaften, Bildern und Familienstellungen und die Wechselwirkung wird für die Interpretation des Orakels herangezogen.
Hinzu kommt, dass auch den mittleren 4 Linien eines Hexagramms (Hu Gua) besondere Bedeutung beigemessen wird. Diese 4 Linien können in ein oberes und ein unteres Trigramm aufgesplittet werden, deren Bedeutung und Verhältnis zueinander ebenso die Gesamtdeutung des Orakels beeinflusst. [16]
Innerhalb der Trigramme und Hexagramme bilden die Linien (yao) die „Grundsubstanz“ eines jeden Zeichens. Dabei wird primär zwischen durchgehenden und geteilten Linien unterschieden. Für die ursprüng-liche Bedeutung der Linien gibt es verschiedene Theorien, z.B. dass es sich um Symbolisierungen eines frühen dualistischen Denkens handelt, um die längeren und kürzeren Stengel der Schafgarbe, um Übertragungen einer frühen Schrift oder um die Zeichen einer frühen Mathematik. [17] Letzterer These entspricht auch die Ähnlichkeit mit den entdeckten Linien auf Schildkrötenpanzern, wobei hier wahrscheinlich mathematische Ziffernfolgen durch aufeinanderfolgende Linien dar-gestellt wurden. [18] Eine Verbindung zu mathematischen Ursprüngen erscheint auch denkbar, da die Linienzeichen des Orakels den chinesischen Zahlzeichen ähneln. Bis heute werden die Zahlen 1, 2 und 3 durch 1, 2 oder 3 waagerechte Linien dargestellt. Die 64 Hexagramme der Wandlungen der Chou könnten also das Ergebnis einer frühen chinesischen Mathematik sein. [19]
Grundlegend für die Interpretation als Orakel ist, dass im Zuge des Orakelnehmens mit Schafgarbenstengeln die ermittelten Linien als wandelbar oder nicht wandelbar definiert wurden [20] , und sich dem-entsprechend auch das Gesamtzeichen im Übergang zu einem anderen Zeichen befindet. Sind die einzelnen Linien, deren Wandelzustände und der Wandlungscharakter des Gesamtzeichens festgelegt, so kann die Orakelantwort mit Hilfe der Sprüche zu den Linien, zu dem Zeichen und zu dem sich wandelnden Zeichen gewonnen werden.
Die Sprüche und die Kommentare
Jedem Hexagramm und jeder Linie ist ein Spruch zugeordnet. Insgesamt umfassen die Wandlungen der Chou 64 Hexagramm- und 384 Liniensprüche [21] und bilden zusammen mit den Zeichen den ältesten Kern des Orakelbuches. Die Sprüche zu den Zeichen charakterisieren in wenigen Worten die Bedeutung des Zeichens und werden zumeist durch eine allgemeine Handlungsempfehlung ergänzt. So kann ein Spruch zum Zeichen lauten: „Das Schöpferische wirkt erhabenes Gelingen, fördernd durch Beharrlichkeit.“ [22] .
Die Sprüche zu den Linien bestehen häufig aus einer kurzen „Weisheit“ welche durch eine Handlungsempfehlung oder eine kurze Auskunft über Heil oder Unheil ergänzt wird, wie z.B.: „Neun auf fünftem Platz be-deutet: Warten bei Wein und Speise. Beharrlichkeit bringt Heil.“ [23] . Ein weiteres Beispiel für einen Linienspruch wäre: „Sechs auf drittem Platz bedeutet: Unverschuldetes Unglück: Die Kuh, die von jemand angebunden war, ist des Wanderers Gewinn, des Bürgers Verlust.“ [24] Hier wird ein anderer Aspekt deutlich, welcher die Entstehung der Sprüche befördert haben könnte. In zahlreichen Sprüchen finden sich Elemente, welche dem Alltag und der Erfahrung der einfachen Bevölkerung entstammen und mit „Alltags- oder Bauernweisheiten“ verglichen werden können. Die volkstümliche Verbindung der Sprüche wird auch in der Ähnlichkeit zu den Texten aus dem Buch der Lieder (Shi King) deutlich, womit eine lange mündliche Überlieferung von Teilen der Sprüche vermutet werden kann. [25] Daneben finden sich in den Sprüchen ähnliche mantische Formeln wie sie schon im Knochenorakel verwendet wurden. Auch sollen sich in einigen Passagen die Ereignisse des Sieges der Chou über die Shang widerspiegeln. [26]
Die Zahl der chinesischen Kommentare zu den Wandlungen der Chou ist enorm. Obwohl der größte Teil wahrscheinlich verloren gegangen ist, verzeichnet eine Bibliographie aus dem Ende des 19. Jahrhunderts noch mehr als 2000 Kommentare. [27] Die Hauptkommentare zu den Wand-lungen der Chou werden auch als die „Zehn Flügel“ (Shi Yi) bezeichnet. Deren Datierung und Verfasser sind umstritten, es scheint aber eindeutig, dass Sie größtenteils erst Jahrhunderte später nach Entstehung der Linien, Zeichen und Sprüche der Wandlungen der Chou verfasst wurden. Die traditionelle Überlieferung spricht die Verfassung der 10 Flügel Konfuzius zu. [28] Nach heutigem Wissensstand sind die Hauptkommentare aber erst in der Han-Zeit (206 v.Chr. bis 220 n.Chr.) entstanden. [29] Zusammen mit den Kommentaren der 10 Flügel wurden die Wandlungen der Chou als Buch der Wandlungen (I Ging) in den Konfuzianischen Kanon eingereiht.
Der große Einfluss auf das chinesische Denken wird an der großen Zahl der Kommentare deutlich. Die Menge und Vielfalt an Interpretationen birgt die Gefahr der Verfälschung der ursprünglichen Bedeutung der Zeichen und Sprüche. Dieses hat möglicherweise den Philosophen Wang Pi (226-249 n.Chr.) zu seinem berühmten Kommentar geführt: „Die Symbole (der Hexagramme) dienen zum Ausdruck der (dahinter stehenden) Ideen, die (den Hexagramme beigegebenen) Sprüche zum Ausdruck der Symbole. Sobald man aber die Symbole erfasst hat, können die Worte vergessen werden, und sobald man die Ideen erfasst hat, können die Symbole vergessen werden. Wer sich hingegen an die Worte klammert, wird nie die Symbole erfassen, und wer sich an die Symbole klammert, wird nie die Ideen erfassen.“ [30]
Literatur:
-Chang, Chun-shu: „The rise of the Chinese Empire“, Vol.1, Univ. Of Michigan Press, 2007
-Chang, Tsung-tung: „Der Kult der Shang-Dynastie im Spiegel der Orakelinschriften“, Wiesbaden, Harrassowitz Verlag, 1970
-Creel, Herrlee Glessner: „The birth of China“, London, Peter Owen Ltd., 1964 (1937)
-Feng, Li: „Landscape and power in early China“, Cambridge Univ. Press, 2006
-Gernet, Jaques: „Die chinesische Welt“, Suhrkamp, Frankfurt, 2008
-Keightley, David N.: „The ancestral landscape – Time, Space, and comunity in late Shang China (ca.1200-1045 B.C.)”, Univ.of California, 2000
-Legge, James (Übers.): „The I Ching“, Dover Publications, New York, 1963 (1899)
-Marshall, S.J.: „The mandate of heaven”, Curzon Press, Richmond, 2001
-Minois, Georges: „Geschichte der Zukunft“, Artemis & Winkler, Düsseldorf, 1998
-Schilling, Dennis R.: „Spruch und Zahl“, Scientia Verlag, Aalen, 1998
-Seiwert, Hubert M.: „Orakelwesen und Zukunftsdeutung im chinesischen Altertum“, Bonn, 1979
-Shchutskii, Iulian K.: „Researches on the I Ging”, Princeton Univ Press, 1979 (1960)
-Unger, Ulrich: „Abriß der Literatur des chinesischen Altertums”, Ostasien Verlag, Gossenberg, 2008
-Wilhelm, Richard: „I Ging – Text und Materialien“, München, 1996 (1924)
Das Knochenorakel der Shang


