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Vietnamesische Besatzung und Buddhismus unter Aufsicht
» Buddhismus und Politik in Kambodscha

4 Vietnamesische Besatzung und Buddhismus „unter Aufsicht“

Nach massiven Angriffen der Roten Khmer auf vietnamesische Dörfer marschierte 1979 die vietnamesische Armee in Kambodscha ein. Die Roten Khmer flüchteten in die Berggebiete an der Grenze zu Thailand und begannen mit Unterstützung von China, den USA und Thailand einen Guerillakrieg gegen die vietnamesischen Besatzer, welcher sich noch bis Mitte der 90er Jahre hinziehen sollte. Vietnam stationierte rund 225.000 Soldaten in Kambodscha und setzte eine Regierung aus Exil-Kambodschanern unter der Führung der „Revolutionären Volkspartei“ Kambodschas ein. Neuer Regierungschef wurde Heng Samrin und viele entscheidende Positionen in der Verwaltung wurden durch Vietnamesen besetzt. Die vietnamesische Besatzung beendete den Terror der Roten Khmer. Vietnam war jedoch traditionell „nicht sehr beliebt“31 bei den Kambodschanern. Um die Legitimation dieser Besatzung zu sichern wurde deshalb eine Unterstützung der neuen Politik durch den buddhistischen Sangha in Kambodscha als äußerst hilfreich und fast zwingend notwendig angesehen und dementsprechend forciert. Die neue sozialistische Regierung kontrollierte die Wiederausbildung eines Sangha, welcher nun nicht mehr wie traditionell nur neutrale oder passive Positionen vertreten, sondern auch eine aktive Stütze der neuen Machthaber  und des propagierten „neuen Sozialismus“ darstellen sollte.32 Auf dem 1. Nationalen Kongress buddhistischer Mönche 1982 versuchte das Staatsoberhaupt Heng Samrin, die Verbindung von Sozialismus und Buddhismus zu erklären: „Der Buddhismus ist eine Religion, die die Klassen beseitigt. Zu seinen Lebzeiten hat Buddha die Kasten abgeschafft… genauso verhält es sich heute mit der sozialistischen Revolution. Sie wird durchgeführt um die Ausbeutung abzuschaffen.“33

Allerdings waren zahlreiche Wats zerstört, der Grossteil der Mönche ermordet oder im Exil, und es existierten auch keine buddhistischen Institutionen mehr. Um trotzdem die Neubildung eines - auch für politische Zwecke einsetzbaren – Sangha zu ermöglichen, wurde eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, welche die Ordinierung von Mönchen und die Entwicklung buddhistischer Institutionen erleichterte. Dieses geschah allerdings unter strenger Aufsicht, Kontrolle und im Sinne der regierenden „Revolutionären Volkspartei“ und dem im Hintergrund wirkenden Vietnam. Schon die Ordination von Mönchen gestaltete sich als schwierig. Es war kaum möglich, noch die notwendige Anzahl ordinierter Mönche zu finden, welche das Ritual der Ordination durchführen konnten. Deshalb wurde die Ordination zunächst durch Theravada - Mönche aus Vietnam übernommen und die notwendige Anzahl von anwesenden Mönchen für die Durchführung der Ordination von 10 auf 5 Mönche reduziert. In Bezug auf die „Nikayas“34 wurden nach dem Vorbild Vietnams, der Mahanikay - und der Thommayut - Orden zwangsvereinigt. Dieses wurde öffentlich mit der Herstellung und Wahrung der nationalen Einheit begründet.  „Unsere Mönche sind weder Mahanikay noch Thommayut Mönche - sondern nationale Mönche“.35 Wenngleich die Vereinigung als gleichberechtigt dargestellt wurde, setzte sich in der Praxis des vereinten Ordens dann aber wohl eher die Mahanikay Interpretation des Ordenslebens durch.

In Bezug auf den Mönchstatus wurden den Mönchen die vollen staatsbürgerlichen Rechte zugestanden, aber auch die Pflichten auferlegt. Das klingt zunächst nicht ungewöhnlich, entspricht jedoch wieder nicht dem traditionellen Verhältnis von Sangha und Staat. In den vorhergehenden Jahrzehnten gab es zwar immer wieder Mönche, welche sich politisch und teilweise auch militant betätigt hatten, dieses Engagement kam aber wesentlich von den Mönchen selber. Nun versuchte der Staat aktiv die Einbeziehung des Sangha in politische Aktivitäten. Der buddhistische Mönch sollte wählen gehen, er sollte die „Revolutionären Volkspartei“ unterstützen und sich aktiv für den „neuen Sozialismus“ einsetzen. Die Einbindung in politische Verantwortlichkeiten und der Eintritt von Mönchen in politische Parteien und Ämter war für die neuen Machthaber das Mittel zum Zweck der Legitimation ihrer sozialistischen Regierung und Politik.36 Allerdings löste diese „Vereinnahmung“ des Sangha durch die Politik auch Widerstände aus. Teilweise wurde von Ordensmitgliedern dazu aufgerufen, die geforderte politische Beteiligung zu boykottieren.

Bezeichnend für den Sangha in den ersten Jahren nach dem Ende der Roten Khmer war, dass der Shanga nun zwar wieder bestehen und sich schrittweise auch entwickeln konnte, jedoch unter strenger Aufsicht und Kontrolle des Staates sowie der Forderung an den Sangha, die neue Regierung aktiv politisch zu unterstützen. Im Ergebnis führte diese Vereinnahmungspolitik in den 80er Jahren zu einer starken Politisierung des Ordens.


weiterlesen:
5 „Staatliche Rehabilitierung“ des Buddhismus
6 Der Sangha zwischen Tradition und politischer Aktion
1 Sihanouk und „Buddhistischer Sozialismus“
2 Lon Nol und „buddhistischer Neo-Khmerismus“
3 Pol Pot und „feudaler Buddhismus“
4 Vietnamesische Besatzung und Buddhismus „unter Aufsicht“